Geschichte der Wieker Blasmusik
Nachdem sich bereits im Jahre 1993 die Wieker Musikfreunde zur „Wieker Blasmusik e.V.“ zusammengeschlossen hatten, luden die damaligen Vorstandsmitglieder Reinhard Krusche, Udo Sielaff und Klaus-Peter Lüdtke ältere Wieker Musiker in die Gaststätte „Zum Elch“ ein, um über die Geschichte der örtlichen Blasmusik nähere Informationen zu erhalten.
Dieses Treffen fand am 24.August 1994 statt und es erschienen dazu Walter Werner, Wolfgang Klünder, Kurt Dräger und Kurt Kuschel sowie außerdem Kurt Knedel und Dieter Ahlgrimm, die auch jetzt dem Verein angehörten. Herr Klünder hatte eine Reihe Fotoalben mitgebracht, die den langen Weg des Ensembles dokumentierten.
In gemeinsamer Runde wurde dabei folgendes zusammengetragen:
Am 01.Juni 1957 wurde Herr Klünder beauftragt, einen Klangkörper für Wiek aufzubauen. Es folgen zahlreiche Einzelgespräche, so dass sich 72 Interessenten melden, von denen die meisten aber Trompete blasen möchten. Viele erweisen sich als unzuverlässig oder ungeeignet, andere springen von sich aus ab. Die Gründung erfolgt am 01.Januar 1958. Die Arbeit wird von der Gemeinde unterstützt, die auch die anfallenden Kosten trägt. Dafür muß die Kapelle für die Gemeinde unentgeltlich stets zur Verfügung stehen, um kulturelle Anlässe zu umrahmen. Die NVA Prora übernimmt die Patenschaft und schickt von dort jede Woche auch die Lehrer, deren Kosten ebenfalls von der Gemeinde getragen werden, die zudem in der Berufsschule und in der LPG-Baracke die Proberäume stellt. Die Kleidung wird kostenfrei vom Kinderkurheim zur Verfügung gestellt. Unter großem Zeitdruck erfolgt der erste Auftritt am 01. Mai 1958. Dieser Klangkörper ist bis ca. 1967/1968 einsatzfähig und endet mit dem Aufbau eines Orchesters auf dem Bug, zu dem die meisten Mitglieder überwechseln. Besondere Ereignisse waren das Trainingslager in Roßburg vom 02.01. bis 17.01. 1959, der Bezirksausscheid mit Pokalgewinn am 07. und 08.08. 1959 und das Trainingslager vom 01.01. bis 19.01. 1960 in Bergen im Vogtland.
Für diese Sondereinsätze standen natürlich keine Mittel der Gemeinde zur Verfügung, sie wurden entweder eingespielt oder durch Einsätze in der Landwirtschaft beim Kohlanbau oder die Errichtung des so genannten Musiker-Platzes neben dem Gasthaus „Boelke“ erwirtschaftet.
Damals wurden die Noten sorgfältig archiviert und umfassten einen großen Fundus. Einsatzorte gab es auf der ganzen Insel Rügen, so auch bei der Eröffnung der Rügenfestspiele in Ralswiek oder bei zahllosen Veranstaltungen der damals im Bezirk Rostock gefeierten „Ostseewoche“. Ebenso traten die Wieker Musiker im Pionierlager Prerow auf und um 1960/61 gab es sogar eine Rundfunkaufnahme. Unterstützung fand man im Hornisten Opitz vom Leipziger Sinfonieorchester, der bei seinen Freizeitaufenthalten in Wiek zur Verfügung stand. Für die Einsätze wurden alle Mitglieder stets freigestellt, einzige Ausnahme bildete hier der private Friseurmeister Kurt Dräger, der allerdings die Genehmigung seiner Ehefrau einholen musste, wie er schmunzelnd bemerkte. In einem Falle gelang sogar die Reklamierung eines Einberufungsbefehls zur NVA.
Intermezzo
Im Sommer 1979 versuchte Walter Werner, ein neues Blasorchester aufzubauen. Wieder meldeten sich zunächst zahlreiche Interessenten, aber man kam nicht über erste Schritte hinaus. Erst als der damalige Stellvertretende Bürgermeister, Eckard Boelke, mit großem organisatorischen Talent sich dieser Gruppe annahm und die musikalische Leitung an Reinhard Krusche übertrug, zeigten sich erste Erfolge. Er erinnert sich an diese Jahre und berichtet darüber sinngemäß:
Durch die freundliche Unterstützung des Standortmusikkorps, mit dem 1980 sogar ein Fördervertrag abgeschlossen wurde, konnten neue Instrumente erworben werden. Der Kraftfahrer Helmut Kürschner, der als Fernfahrer viel unterwegs war, konnte sogar Notenpulte beschaffen, die damals Mangelware waren. Jedes Register bekam nun auch einen eigenen Lehrer, so unterrichtete Reinhard Krusche Klarinette, Dietmar Kretschmar Trompete und Tenorhorn, Andreas Kathe die Posaune und Schlagzeug sowie Hans-Georg During Tuba.
Sehr wichtig war die Nachwuchsförderung bei Kindern aus der damaligen Wieker Oberschule. Besonderes Talent bewiesen Arne Adrian (Klarinette), Gerd Müller (Tenorhorn) und Sebastian Boelke (Trompete).
Zum Repertoire gehörten zunächst Märsche, dann aber auch Weihnachtslieder, Polkas und Walzer. Zu den Maifeierlichkeiten herrschte Streß, wenn am Vorabend das Maibaumsetzen und dann am nächsten Morgen das Wecken und später die Umzüge zu begleiten waren, und zwar nicht nur in Wiek, sondern auf der ganzen Halbinsel Wittow.
Für den Zusammenhalt der Gruppe waren aber auch gemeinsame Feiern mit den Familienangehörigen wichtig, die sich zu Grillnachmittagen im damaligen „Wilden Eber“ oder zu Weihnachtsfeiern trafen.
Später, als einmal der Ferien und der Urlaubszeit wegen, eine Sommerpause beschlossen wurde, fanden sich leider zum Probenbeginn im Herbst die Mitglieder nicht mehr zusammen und die Gruppe zerfiel.
Mitglieder waren damals übrigens:
Rolf Schabacker, Horst Krause, Helmut und Rico Kürschner, Ralf Knebusch, Udo und Frank Sielaff, Henning Schnur, Günter Brosche, Siegfried Böhnke, Eckard Boelke, Siegfried Borte, Dieter Ahlgrimm, Reinhard Krusche, Reinhard Stricker, Dieter Dinse und Gerhard Kujawski.
Neugründung
Mit der Wende 1989 und der deutschen Wiedervereinigung im Jahr darauf veränderten sich die sozialen Strukturen, die Armee verschwand vom Bug und somit auch ihr Orchester, die Landwirtschaft wurde neu strukturiert und es gab plötzlich Arbeitslose. Gleichzeitig aber eröffneten sich auch neue Chancen und Udo Sielaff kam in der von ihm errichteten Gaststätte „Zum Elch“ auf die Idee, durch die Wiederbelebung der Wieker Bläsertraditionen das kulturelle Leben am Ort zu bereichern und Interessenten eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu vermitteln. Bald hatte er genügend Leute begeistert, um einfach alle zu einem Neuanfang einzuladen. Schlichte handschriftlich gefertigte Zettel (siehe Abb. Handzettel) wurden gefertigt, bei Horst Stavginski auf seinem neuen Gerät kopiert und im Ort ausgehängt oder verteilt. So sammelte sich am 16.Juni 1993 ein kleiner Kreis beim „Elch“ und beschloß, Voraussetzungen für eine ordnungsgemäße Neugründung als eingetragener Verein zu schaffen und gleichfalls Schritte einzuleiten, um vorhandene Instrumente zu sammeln und neue hinzuzugewinnen. Bereits acht Tage später fand am gleichen Ort die Vereinsgründung statt (siehe Abb. Gründungsprotokoll) und Udo Sielaff drang darauf, dass sofort die Presse informiert und über die Zeitung sogar ein bisschen Druck auf die Bläser ausgeübt wird, indem ein erster Auftritt schon angekündigt wurde. (siehe Abb. untenstehende Zeitungsartikel) Dieser fand dann auch wirklich am 11.August 1993 statt, als es galt, dem einstigen Leiter, Walter Werner, ein Geburtstagsständchen zu bringen. Dem 79-jährigen Jubilar standen die Tränen in den Augen, als vor seinem Haus das „Hoch soll er leben“ und der „Steigermarsch“ erklangen, wobei er später nie verriet, ob es Freudentränen über die Fortsetzung der Bläsertradition waren, auf die der Verein mit der Anknüpfung an die Erstgründung stets größten Wert gelegt hat, oder ob er über die Misstöne, die verständlicherweise nach so kurzer Probezeit nicht ausgemerzt werden konnten, weinen musste. Walter Werner unterstützte jedenfalls bis zu seinem Tod als dann bereits 90-jähriger die Arbeit der Wieker Blasmusik aktiv und wurde auch ihr erstes Ehrenmitglied.
Unter der Leitung von Rainer Krusche fanden von Anfang an regelmäßig zweimal in der Woche die Proben statt, und zwar zunächst in Räumen, die Udo Sielaff zur Verfügung gestellt hatte, dann aber im Hort und in der Schule. Mit Unterstützung der kommunalen Gemeinde und der Schule konnte nun auch der Nachwuchs gefördert werden und die Einsätze des Klangkörpers waren bei Umzügen wie zum Erntefest, privaten Feierlichkeiten und in der Kirche gar nicht mehr wegzudenken. Bei einem Konzert für die Wieker Jagdgenossenschaft im damals noch nicht umgebauten „Alt Wittower Krug“ war dann nach Aussage von Rainer Krusche „der Knoten geplatzt“ und die Wieker Blasmusik erwies sich als eine Kapelle, die sogar ein ganzes Programm gestalten konnte.
Der Weg bis dahin war zwar schwierig und forderte nicht nur den ganzen Einsatz der Orchestermitglieder bei Proben und Auftritten, sondern auch die Phantasie und das Talent der Organisatoren. Einmal mussten dringend Instrumente und Kleinmaterialien in Rostock besorgt werden, aber es fehlte an Geld und Transportmitteln. Der Schriftführer und die Agrar GmbH, damals unter Leitung des Vereinsmitglieds Rolf Schabacker, gewährten zinslose Darlehen und Udo Sielaff stellte seinen Kleintransporter zur Verfügung, der von Helmut Kürschner chauffiert wurde.
1996 übernahm Helmut Linke die Leitung sowohl des Orchesters als auch des Vereins. Ihm gelang es innerhalb kürzester Zeit, die musikalische Arbeit und die Finanzen auf eine gesicherte Basis zu bringen und die Wieker Blasmusik für größere Aufgaben einsatzfähig zu machen. Hierbei fand er nun starke Unterstützung beim neuen Bürgermeister Ulrich Mielke sowie dem damaligen Amt Nord-Rügen.
Von Anbeginn hatte der Verein nicht nur Wert darauf gelegt, an die früheren Traditionen sehr bewusst anzuknüpfen, sondern auch seine Entwicklung sorgsam zu dokumentieren. Peter Jürgens hat sich auf diesem Gebiet zeitweise besonders betätigt und hier soll nun Raum sein für seine herausragenden Bemühungen.

